Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Flyingbrick » 15.05.2018, 16:40

Sozusagen "aus gegebenem Anlass" möchte ich mal das Thema "Lenkanschlag" aufgreifen und erklären, warum ich da etwas sensibel bin.
Auch, weil in Gebrauchtanzeigen mit viel warmen Worten erklärt wird, warum das Motorrad zwar Sturzspuren aufweist, man das aber keineswegs als unreparierten Unfallschaden verstanden haben will. Und weil es ja zunächst mal darum geht, wer Schuld daran hat und ob das schlimm ist, endet die Verniedlichung meist mit "...stammt vom Vorbesitzer und hat mich nicht gestört!" Will sagen: "Es rechtfertigt darum weder einen Preisabzug noch sollte Dich das vom Kauf abhalten!"

Nun ja.

Die Lenkanschläge befinden sich vorn am Rahmen im Bereich des Steuerkopfes und begrenzen den Einschlag der Gabel/des Lenkers auf ein sinnvolles Maß.

So sieht ein Lenkanschlag am gebrauchten Motorrad üblicherweise aus:

DSC00146.JPG


Der Anschlag ist unverformt; nur im Anschlagbereich der Gabelbrücke ist der Lack beschädigt.

Der Anschlag sorgt für gebührenden Abstand u.a. zwischen Lenker und Tank, aber auch Gabelholm und Rahmen.

DSC00154.JPG


Stürzt man, werden über das Vorderrad und den Lenker hohe Kräfte ins Fahrwerk eingeleitet, die sich aus dem Hebelarm ergeben und punktuell über den Lenkanschlag vom drehbaren Teil (Vorderrad, Gabel, Lenker) in den starren Teil (Rahmen) übertragen werden.

Diese Kraft sorgt für eine plastische Verformung oder, im Extremfall, ein Ein- oder Abreißen des Lenkanschlags.
Hier das Bild einer Verformung.

DSC00149.JPG


Neben der "Stufe" des Anschlags fällt auf, dass der Lack des Anschlags auch im Bereich der Schweißnähte abgeblättert ist.

Die Verformung sorgt dafür, dass der Lenkeinschlag zur schadhaften Seite gefährlich vergrößert wird und es zu Berührungen zwischen Lenkerschaltern und Tank, aber auch Gabelholm und Rahmen kommt. Im folgenden Bild ist scheinbar noch etwas Abstand, bei genauerem Hinsehen ist aber der Rahmenlack an dieser Stelle leicht beschädigt.

DSC00155.JPG


Nun kommen manche auf die Idee, dass man den kleinen Schaden ja schnell und kostengünstig beheben kann. Einfach das Schweißgerät an, kleine Naht gezogen und schon ist wieder alles wie vor dem Sturz, pardon, dem leichten Umkipper, der uns und den Vorbesitzer nie gestört hat. Tatsächlich ist dann der Lenkeinschlag wieder perfekt begrenzt. Wenn man die Feile und den Pinsel schwingt, sieht es sogar wieder so aus wie vorher und man versteht gar nicht, warum man das nicht dürfen soll.

Nun sei doch nicht so pingelig!

Dumm nur, dass das kleine Dreieck an einer sehr empfindlichen Stelle des Rahmens sitzt. Genauer, an der empfindlichsten Stelle, was das Fahrverhalten angeht.
Schauen wir uns die Stelle noch mal genau an.

DSC00152 (Mittel).jpeg


Der Unfall leitet wie gesagt erhebliche Kräfte punktuell in den Rahmen ein und der Anschlag wird dabei nach hinten gedrückt. Erkennbar ist das auch schon an den Lackrissen vor (!) dem Lenkanschlag, die man auf dem nächsten Foto schön sehen kann:

DSC00150 (Mittel).jpeg


Gleichzeitig wird das hintere Ende des kleinen Dreiecks nach innen gedrückt. Und so sieht das dann von unten aus:

DSC00157.JPG


Der helle Ring, den man hinter der Delle sieht, ist der Innenring des unteren Lenkkopflagers. Er ist wie jedes Lager auf Rundlauf angewiesen, der sich durch den Außenring und dessen Lagersitz ergibt. Oder, wie hier, eben nicht mehr ergibt. Dieses Lager wird, egal, was wir machen, nie wieder ordentlich arbeiten und an der sensibelsten Fahrwerksstelle für erhebliche Unruhe sorgen.

Nicht immer ist der Schaden so gut mit bloßem Auge zu erkennen wie hier. Die Toleranzen werden aber nicht erst hier weit überschritten. Ein Übriges tut unser Schweißkünstler, indem er nach der punktuellen Kraftbelastung beim Unfall auch noch punktuell große Hitze an gleicher Stelle aufwendet und damit für weitere Verformung sorgt. Erst recht natürlich, wenn auch noch ein eingerissener Anschlag wieder angepunktet wird. Oder, ebenso schlimm, bei der verbotenen Aktion übersehen.

Verboten? Sicher! Abgesehen davon, dass ein Rahmen nach einem Unfall vermessen werden muss und unser Rahmen wie viele andere ganz sicher außerhalb der Toleranz ist, macht ein Schaden am Lenkanschlag den Rahmen unbrauchbar. Daran ändert auch nichts, wenn man damit mal über den TÜV gekommen ist, weil der Prüfer das (vielleicht gut getarnte) Malheur nicht gesehen hat. Das gilt erst recht, wenn nicht vom Hersteller authorisierte Schweißarbeiten stattgefunden haben. Glaubt jemand, der Hersteller würde das tun? Warum sollte er das freigeben, und dann noch für jeden, der eine Elektrode halten kann?

Eines ist klar: auch, wenn der TÜV (und DEKRA, KÜS oder GTÜ) den Betrieb eines Fahrzeugs untersagen kann, macht man Reparaturen niemals "für den TÜV". Der Prüfer muss nur die Kreisfahrt auf dem Hof überleben, wir als Fahrer und alle, die später mal unser Motorrad kaufen, brettern damit mit 200 Sachen über die Bahn. Ich hoffe, das erklärt, warum ich manchmal böses Sodbrennen bekomme, wenn da über Billigreparaturen geschrieben wird.
Zuletzt geändert von Flyingbrick am 15.05.2018, 21:12, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Eagle » 15.05.2018, 20:57

.....Wow ..:blink2: :blink2: :blink2:
Also jetzt bekomme ich auch das oben erwähnte böse Sodbrennen.
Ob ich meinen defekten Lenkanschlag noch schweißen lasse, weiß ich jetzt auch nicht mehr. Die frage ist nur, was soll ich sonst machen?
Meine CB 500 auf den Schrottplatz stellen? Einer gutgläubigen und Ahnungslosen Person weiterverkaufen? Sicher nicht! Da komme ich mit meinem Gewissen in Konflikt. Aber die von dir aufgelisteten Argumente gegen ein schweißen an dieser sensiblen Stelle, bringen mich halt schon zum nachdenken.
Schließlich fahre ja dann wirklich mal mit 200Kmh mit dem Motorrad und wenn da dann zB der Lenker blockiert oder wer weiß was schlimmes passiert!?

Mich würde interessieren wie die Anderen hier im Forum in meiner Situation handeln würden. Bin mir gerade sehr unsicher.

Und zu deiner Erklärung Micha: Also .. :respekt: :respekt: :respekt: :respekt:

Ich finde es wirklich sehr toll mit wie viel Liebe und Engagement du dich hier diesem Thema widmest.
Und auch dass du versuchst andere vor Schaden zu bewahren :thanks: :thanks: :thanks:
Zuletzt geändert von Eagle am 16.05.2018, 00:24, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Flyingbrick » 15.05.2018, 21:29

Danke schön!

Ja, was kann man tun? Eigentlich nur den Rahmen tauschen. CB-Rahmen gibt es immer mal wieder für einen Hunderter zu kaufen -es wurden auch schon welche gegen eine Kiste Bier getauscht. Der Rest ist Fleißarbeit.

Der oben gezeigte Rahmen ist übrigens nicht nur in diesem Bereich beschädigt gewesen. Er hat auch im Heckrahmen sichtbaren Verzug gehabt, das Schutz"blech" hinten stand zwei Finger breit rechts außerhalb der Radmitte. Die linke obere Federbeinschraube sah so aus:

DSC00165.JPG


Und natürlich war auch die Gabel krumm.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Free-sky » 15.05.2018, 21:38

Ohja, der Lenkanschlag...
Gretchenfrage :
Darf der überhaupt geschweißt werden? Was passiert dann bei der HU? Immer vorausgesetzt, das ist "fachgerecht" gemacht worden.
Man liest ja immer wieder von verschiedenen Standpunkten.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Flyingbrick » 15.05.2018, 21:41

Die Frage habe ich gerade zwei Sachverständigen, die ich kenne, gestellt. Wobei "fachgerecht" nur an Hilfsrahmen usw. gearbeitet werden darf. Aber ich gebe deren Antwort dann weiter.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Free-sky » 15.05.2018, 21:44

Auf die Antworten bin ich mal gespannt.
Würde mich nicht wundern, wenn die nicht identisch sind :mrgreen:
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon FlyAsTheSky » 16.05.2018, 06:49

Vielen dank für die ausführliche Beschreibung FlyingBrick
Zuletzt geändert von FlyAsTheSky am 16.05.2018, 06:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Hondaslider » 16.05.2018, 07:43

Wow .... klasse erklärt :ddaumen: :rock: Ich danke Dir :beer2:
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Twintreiber » 16.05.2018, 16:22

Ja, sehr plastische Erklärung. Nach meinem Unfall vor zwölf Jahren wurde auch der Lenkanschlag geschweisst, nicht von einem dazu autorisierten, aber zumindest von einem recht fachkundigen Bekannten von mir. Seitdem fahre ich störungsfrei damit rum. Hätte ich Michas Text damals gelesen, hätte ich wohl auch den Rahmen getauscht. Inzwischen habe ich damit so ca. 70.000 km drauf gefahren und denke, die Reparatur ist ausgetestet... :P
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Eagle » 16.05.2018, 17:35

Ja, bei den meisten wird es wohl gut gehen mit dem schweißen am Lenkanschlag. Da fährt man dann auch noch 70.000 Km und nix passiert.
Blöd nur, wenn du der Eine von hundert bist, bei dem es nicht gut geht. Da kannst dann deine CB500 nur noch vom Rollstuhl aus betrachten.
Zuletzt geändert von Eagle am 16.05.2018, 17:45, insgesamt 2-mal geändert.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon Flyingbrick » 16.05.2018, 17:49

Flyingbrick » Di 15.Mai, 2018 hat geschrieben:Die Frage habe ich gerade zwei Sachverständigen, die ich kenne, gestellt. Wobei "fachgerecht" nur an Hilfsrahmen usw. gearbeitet werden darf. Aber ich gebe deren Antwort dann weiter.

Erste Antwort:
Dem ist eigentlich nichts hinzuzufügen. "Verboten" ist sowas immer dann, wenn eine Gefährdung zu erwarten ist. Und das ist bei Pfuschreparaturen an einem sensiblen Rahmenteil sicherlich der Fall. Reparatur kann hier eigentlich immer nur nach Herstellervorgabe (also vom Hersteller selbst oder einen von ihm zertifizierten Fachbetrieb) erfolgen, aber ich wüsste nicht, dass irgendein Hersteller da überhaupt mitspielen würde. Bei geschraubten Lenkanschlägen sicher kein Thema, aber punktueller Wärmeeintrag (Schweißen) an so nem wichtigen Teil des Fahrwerks..... Wer soll dann dafür unterschreiben, dass das Material des Rahmens dann noch alles das mitmacht, was es unbeschädigt und unrepariert noch konnte?
Zuletzt geändert von Flyingbrick am 16.05.2018, 17:49, insgesamt 1-mal geändert.
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Re: Warum ich bei Lenkanschlägen pingelig bin...

Beitragvon wollaa » 21.05.2018, 20:12

Super Beschreibung und sehr gute Bilder.
Bis auf das letzte, das ist das Bild des Grauens......
wollaa
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